5 Das lahme Rentier

Die Tränen schossen Cecilia in die Augen. Plötzlich kam es ihr vor, als würde sie Nikolaj schon ihr ganzes Leben lang kennen. Als wäre er nicht nur ein Freund, sondern zugleich Vater und Mutter. Er gehörte zu ihr. Er war für sie zuständig. Ihr ganzes extremes Leben als Supergeschäftsfrau war eine Lüge gewesen!

Nein, sie, Cecilia Phoebe Silverstein, war in Wahrheit eine sanfte, anlehnungsbedürftige, sehr weibliche Frau. Oder hatte diese Verwandlung vielleicht etwas mit der Injektion zu tun, die ihr dieser Doktor verpasst hatte? Egal! Cecilia war dankbar, dass Nikolaj sie hier herausholte. Er nahm sie am Arm, der von der Spritze noch wehtat, und führte sie hinaus, wo der Schlitten wartete. Sie setzte sich neben ihn auf den Kutschbock und lehnte sich ein wenig an ihn, was er nicht zu bemerken schien, aber das war jetzt nötig. Cecilia fühlte sich sehr desolat.

"Dawai, dawai!", Nikolaj schnalzte laut mit der Zunge, und die beiden Rentiere trabten los, ihr Glöckchengeschirr sang eine Zuckerschneemelodie, und Cecilia fielen die Augen zu. Sie entglitt in einen Traum, in dem Mascha war. Mascha mit einer roten Spritze. Mascha stach sich in die Hand, und Cecilia sah wie blaues Blut aus ihrem Daumenballen tropfte und erwachte mit starkem Herzklopfen.

"Wo sind wir, Nikolaj?" fragte sie schlaftrunken. Der Schlitten stand still mitten im verschneiten Wald.

Nikolaj trank etwas aus seinem Flachmann. "Die Rudi 1 hat was mit die Fußn. Mussen wir Pause machen."

Cecilia sah Nikolaj besorgt an. "Kann er denn weiter?"

"Musst du warten! Wann nicht, wir mussen abschirren und hierlassen, nur mit die Rudi 2 weitermachen..."

"Aber das ist doch grausam, den kranken Rudi hier allein zu lassen?"

Nikolaj zuckte die Achsel. "Wenn du lieber abfrieren willst hier in Wald..."

Cecilia sprang vom Schlitten und ging zu Rudi 1. "Zeig' mir mal deinen Huf", bat sie freundlich. Rudi schien das zu verstehen. Er hob sein krankes Bein und Cecilia entdeckte, dass eine Scherbe im Huf festgeklemmt war. Mit einem Ruck zog sie sie heraus. Das Rentier quiekte. "Merkwürdig," dachte Cecilia, "ich habe mich nie gefragt, welche Laute Rentiere eigentlich von sich geben." Und zu Nikolaj: "Guck' mal, diese Scherbe hier ... da steht etwas drauf. Aber das ist russisch, glaube ich. Ich kann es nicht lesen ..."

Nikolaj sah über ihre Schulter. "Steht Abend geschrieben. Ist die Name von die billige Wodka."

"Abend? Dein Wodka, Nikolaj?"

"Trinke ich nicht die Wodka! Bin ich keine Alkogoliker! Trinke ich nur die Tee und Rotwein bei die Gelegenheit!"

"Wenn das also nicht deine Wodkascherbe war, die sich der arme Rudi hier eingetreten hat, dann ist das ein Zeichen! Das Wort Abend ..." Cecilia versuchte zu verstehen.

"Kannst du richtig sein. Sollen wir warten bis die Abend! Muss man respektieren die Zeichen!" Sie beschlossen, im Schlitten auf den Abend zu warten.

Nikolaj zog aus seiner Tasche einen Schwarzbrotkanten heraus, den er mit Cecilia teilte und hielt ihr seinen Flachmann hin, in dem sich tatsächlich nur dünner heißer Ceylontee befand. Cecilia seufzte, biss vorsichtig ein wenig von dem Brot ab, denn sie fürchtete, einen Zahn abzubrechen, und spülte den Bissen mit etwas Tee herunter. Der Weihnachtsmann hatte jetzt seinen Arm fest um ihre Schulter gelegt. Cecilia sah zu ihm auf aus großen vertrauensvollen Augen. Er begann zu erzählen: "Wenn ich war in Sibirien, wann ich jung war, habe ich gesehen die weiße Tiger. Habe ich dir schon erzählt?" Cecilia schüttelte den Kopf.

"Bin ich ganz nah gewesen. Wollte ich meine Onkel besuchen, und war die Tiger hinter die Baum. Was tun? Habe ich mir Schritt für Schritt zurückgeschlichen. Aber dann habe ich gesagt mir, ist schade, nicht haben die Bild von die schone Tier! Und bin ich wieder drauf zu gelaufen, ganz langsam, und habe gemacht die Foto!"

"Du hast ihn fotografiert?" Bewundernd sah Cecilia Nikolaj an. Aus dem Augenwinkel nahm sie am Waldrand etwas wahr und wandte unwillkürlich den Kopf, aber sie sah nur noch ein kleines Tier davonhoppeln, das merkwürdigerweise einen knallroten Pelz zu haben schien.

"Willst du weiter hören?" Sie nickte.

"Habe ich auch andere Abenteuer bestanden. Einmal bin ich auf eine Zirbelkiefer geklettert, dreißig Meter hoch, mindestens! War ich noch Junge. Bin ich mit die andere Jungs in die Wald gelaufen, Zirbelnüsse sammeln. Sind wie die Mandeln, süß, milchig innen drin. Und habe ich gerufen: Wer die meiste findet, der ist die Anführer von unsere Bande! Waren wir alle wild drauf, die meiste zu finden. Und bin ich nach ganz hoch geklettert, wo die Äste geschaukelt sind. Da habe ich gesehen die wunderbare Nuss! Wollte ich zufort haben! Aber dann ist passiert die folgende: Die Ast, auf die ich sitze, ist gebrochen! Und ich sturze und sturze in die Endlose. Habe ich bei die Fallen an meine Mutterchen gedacht und an die Suppe, die zu Hause auf mir gewartet hat. Habe ich gedacht, dass niemand mir mehr helfen kann, keine Vaterchen, keine Feuerwehr, das dies die Ende ist von alles. Aber dann! Hör' zu, Cecilia! Vor mir ist gewesen eine Ast, kannst du dir vorstellen? Habe ich zufort begriffen die Wunder, dass bin ich gerettet! Bin ich kopfüber gestürzt! Habe die Ast gegriffen mit meine Hände und festgehaltet! Bin ich hin- und hergeschwungen wie eine Affe. Und habe die Kameraden gesehen da tief unten, wie sie hochgeschaut haben, wie wenn sie eine Wunder sehen. Und dann bin ich runtergefallen die Rest von die Baum. Habe ich fast nicht atmen konnen, so hat die Brust aufgeschlagen auf die Waldboden. Haben meine Beine gezittert. Habe ich zu die andere gesagt: Die nächste Mal hole ich die Zirbelnuss runter!"

... eingekuschelt in warmes Rentierfell, hatte Cecilia beseelt Nikolajs Erzählung gelauscht. Unterdessen war die Nacht angebrochen. Die ersten Sterne funkelten schon am Horizont. Die Insassen des Schlittens hatten allerdings Zeit und Ort vergessen und bemerkten gar nicht, als ein kleiner Schlitten, nur von einem Esel gezogen, um die Ecke bog und mit einer Vollbremsung vor ihnen hielt.

In dem Schlitten saß ein Mann, der Nikolaj sehr ähnlich sah. Er trug einen goldenen Mantel und hatte eine hell leuchtende Mitra auf dem Kopf!

"Servus, Merci Rudi 1 fürs Warten! Na Niki, ois klar? I hobs leider ned eher gschafft!"

"Oh die Freund!" Nikolaj schrak aus einem tranceähnlichen Zustand! "Warum du hast uns Nachricht nicht geschickt zufort?"

"I brauch' dringend eure Hilfe, de Kinderlein wartn scho sehr arg! Wos host denn da für a scheenes Madl dabei, hä?" wollte die hell gekleidete Gestalt wissen.

"Oh, ich darf stellen vor: Nikolaus - die bezaubernde Cecilia, Cecilia - die Nikolaus!"

Sie gaben sich die Hand und Cecilia hatte es wieder an diesem Tag die Sprache verschlagen.

Der Nikolaus strich ihr väterlich über die Wange. "So, Leutli, los mit euch zwei, aufi, aufi! Ihr packt jetzt den Sack von meini Schlitti rüber auf eure große und verschwindet's in die nächste Stadt, san 100 Kilometer, das schafft ihr spielend in der Nacht! Und dann rein in die Kamine mit die Sachen! San lauter nützliche Dinge, net so modernes Zeug! San Socken und Äpfeln, Nüsse, Mandelkern und so! Also aufi ihr zwoa Attrappen!"

Der Nikolaus lachte, und aus seinem Mund kam eine Atemwolke von Wodka heraus. "Von dem ist vielleicht die Abend-Wodka-Flaschenscherbe gewesen!" flüsterte Cecilia in Nikolajs Ohr. "Der wollte, dass wir auf ihn warten!"

"Bist du genial, Cecilia!" Nikolaj holte den Sack und warf ihn auf seinen Schlitten, dann stiegen sie auf und Nikolaj zog die Zügel an. "Dawai, meine Rudis, dawai!"

Der Nikolaus lachte wieder laut und winkte. Aber Rudi 1 zog nicht an. "Pisda! Scheißviecher!" Nikolaj zog seinen Ledergürtel von der Jeans und knallte damit in der Luft. "Dawaii!!" Aber das Tier drehte sich nur um und sah den Weihnachtsmann aus traurigen Augen an.

"Es lahmt ...", sagte Cecilia. "Da hilft nur eins, wir müssen ihm eine Schmerztablette geben!" Cecilia suchte in den tiefen Seitentaschen des Schlittens und fand schließlich eine abgelaufene Packung Au-weg mit drei zerbröselten Tabletten.

Kurzentschlossen ließ sie die Brösel vorsichtig in ihre Hand rieseln und forderte Rudi 1 auf, diese aufzuschlecken. Nur ein paar Minuten später begann Rudi 1 ungeduldig mit den Hufen zu scharren und blickte Nikolaj frohgemut an. "Ah! Rudi gut so! Weihnachtsfrau festhalten, dawai!! Reise geht weiter!" Die Rudis zogen an, und Cecilia hielt sich an Nikolaj fest.